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Montag, 21. April 2014

Leben und Forschen in Sharamentsa

Ein Osterwunder ist es nicht, aber ich bin nach drei Wochen Regenwald am Ostersonntag um die Mittagszeit wieder in Puyo angekommen. Eigentlich hatte ich gegen Ende gar kein großes Bedürfnis den Wald zu verlassen, denn ich hatte mich wirklich gut eingelebt und kann mir gut vorstellen, auch einmal noch länger dort zu sein. Der Komfort des Achuar-Hotels von Sharamentsa sucht im Regenwald seinesgleichen, denn fließendes Wasser und Toiletten mit Spülung sucht man manchmal sogar in teureren Dschungel-Lodges vergebens.

alltäglich: Kind mit Messer
Ich habe die letzten Wochen für meine Arbeit gut genutzt. Einige der Interviews, die ich über das Projekt geführt habe fanden direkt in meinem "Büro", also auf der Terrasse meiner Unterkunft statt, während ich die Älteren im Dorf nach einer Ankündigung in ihrem eigenen Haus besuchte. Dort saß ich dann auf einem geschnitzten Hocker teils umringt von Kindern, während die Frau erst Chicha in typischen Pinink-Schalen brachte und dann im Hintergrund weiter Yuca-Wurzel für das Getränk kaute und in den großen Topf spuckte. 

Seibo im Hintergrund.
Wunderschöner Wald!
Ich habe schon jetzt einiges über die verschiedenen Menschen erfahren, ihre Zukunftshoffnungen und darüber, wie die Entwicklung des Dorfes und die Unterstützung durch Amazonica damit zu tun haben. Es gibt Grund zu hoffen, aber auch Gründe, jede Art von Entwicklungshilfe sehr kritisch zu begutachten, wenn sie Erfolg haben soll. Es wirkt aus meiner Sicht mittlerweile unglaublich, wie eine einfache Geldspritze - ähnlich einer Investition in ein Start-Up-Unternehmen - jemals als glaubwürdiges Konzept für die offizielle Entwicklungshilfe durchgegangen ist. Der Prozess der Entwicklung einer moderneren und für die darin lebenden Individuen auch besseren Gesellschaft ist komplex und vielschichtig, häufig alles andere als rational planbar, und er erfordert von allen Beteiligten eine gewaltige Menge Engagement und Durchhaltevermögen. Das Projekt hier läuft seit vierzehn Jahren und nicht viele Entwicklungsprojekte können das von sich behaupten.

Nachbargemeinde mit zwei Baustilen
Natürlich hatte ich auch wieder etwas Gelegenheit für Freizeitaktivitäten, zum Beispiel um andere Gemeinden zu besichtigen. In Sharamentsa wird nur noch traditionell gebaut mit einigen Modifikationen zum Komfort der Besucher, und einigen greifbaren Verbesserungen, die den allgemeinen Lebensstandard der Bewohner heben. Jedes Haus hat einen eigenen Wasseranschluss und Elektrizität. All das trifft auf die anderen Gemeinden im Achuargebiet nicht zu. In einigen gibt es, wie man mir erzählt, schwere Ernährungsmängel, das Flusswasser bringt bakterielle Krankheiten, und wie ich selbst feststellen konnte, geht die aufwendige Webtechnik für die Palmdächer hier und dort verloren, weil nur noch Wellblech verwendet wird. Wellblech hat aber den Nachteil, dass es darunter bei Sonne extrem heiß und bei Regen extrem laut wird - beide Wetterlagen sind denkbar häufig.

Klassenzimmer des Gymnasiums (Colegio)
An einem Tag wurde mir der Nachteil der Wellblechdächer besonders bewusst. Ich habe mich nämlich für eine Woche als Englischlehrer an der Grundschule und am Gymnasium von Sharamentsa engagiert. Ganz schön anstrengend, muss ich sagen. Mein Respekt für die Lehrer in meiner Bekannt- und Verwandtschaft ist, soweit möglich, nochmals gestiegen. An dem besagten Tag verhinderte ein Regenschauer für etwa eine halbe Stunde fast gänzlich die Kommunikation, so dass ich stattdessen von Tisch zu Tisch ging und schriftliche Aufgaben verbesserte. Ich hatte als Lehrer auch eine Menge Spaß und fand mehr und mehr Gefallen an der Aufgabe mit der zunehmenden Übung.

Schulstunde mit Haustierbesuch
Von meinem Geburtstag letzte Woche hatte ich keinem etwas gesagt und bekam deswegen auch keine Glückwünsche. Die Achuar feiern Geburtstage nicht, warum also nicht mal etwas Anderes ausprobieren. Es war ein Experiment meinerseits und ich muss sagen, ich habe es genossen. Aber ein Zugeständnis machte ich doch und zwar hatten mich die Grundschüler schon in der Woche zuvor gebeten, doch etwas zu singen und da war mir als englisches Lied mit einfachem Text "Happy Birthday" eingefallen, das seither in jeder Stunde wiederholt wurde. Also bekam ich auch an meinem Geburtstag ein Ständchen, gesungen von zwölf süßen Kinderstimmen, während ich vor einer Tafel stehend auf die einzelnen Wörter zeigte. Genug Feier für mich!


Diese Woche ist jetzt erstmal Puyo dran, dann gehts vorübergehend nach Quito und Anfang Mai will ich zurück in den Wald. Es geht weiter...

Mittwoch, 26. März 2014

Leben in Quito

Basilica del Voto Nacional
Ich sitze wieder auf der Dachterrasse. Bevor ich nach Cotopaxi gefahren bin, hatte mich der Besitzer der Hostels, ein Australier, bereits angesprochen, ob ich nicht Lust hätte, ein bisschen als "voluntario" auszuhelfen. Zunächst war ich mir nicht sicher, weil ich gerne mehr Einheimische kennenlernen wollte und dafür Couchsurfing besser geeignet ist. Doch am Ende habe ich mich entschieden den Job zu akzeptieren, denn er bietet mir viele Vorteile: Ich habe ein kostenloses Privatzimmer, kostenloses Frühstück und Abendessen, freie Getränke, und Internet. Dafür muss ich mich ab dem späten Nachmittag für ein paar Stunden um das Verteilen von Essen kümmern und bis 11 Uhr abends an der Rezeption aushelfen, also Fragen beantworten und Gästen ihre Zimmer zeigen. Außerdem bin ich verantwortlich für das all-abendliche Lagerfeuer auf der Dachterrasse, das wir auch bei Regen am Laufen halten. Es gibt bei weitem unangenehmere Jobs als mit Weltreisenden um ein Feuer zu sitzen und gelegentlich neue Drinks zu verteilen oder ein Taxi zu bestellen.

Blick in den Krater des Pululahua
Tzantza im Glaskasten
Diese Situation bedeutet für mich auch, dass ich fast den ganzen Tag über frei habe und mich nicht um allzuviel kümmern muss. Am Montag genoss ich den Blick von der Basilica del Voto Nacional, deren Türme bis ganz nach oben zu besteigen sind. Und gestern war ich mit einer Gruppe auf einem Ausflug zur Äquatorlinie, der so genannten "Mitte der Welt" (Mitad del Mundo). Nach einem Zwischenstop am alten Krater des Pululahua ging es zum Museum Inti Ñan (quechua für "Weg der Sonne"), dem geografischen Ort des Äquators, wo Charles-Marie de La Condamine im 18. Jahrhundert auf einer Expedition die Erde vermaß und unter anderem Grundlagenarbeit für das metrische Maßsystem leistete. Der Besuch des Museums beginnt leider mit einigen oberflächlichen Informationen zu den indigenen Bewohnern Ecuadors und wählt ausgerechnet die spektakulären Schrumpfköpfe der Shuar-Indianer als Beispiel. Wegen meines mittlerweile erweiterten Wissens habe ich mich über das verzerrte Portrait eher geärgert. Die Experimente mit den Korioliskräften an der Äquatorlinie haben mir dagegen wirklich Spaß gemacht. Ein Ei auf dem Kopf eines Nagels zu balancieren ist hier einfacher, und Wasser, das aus einem Becken unten abfließt, dreht sich auf der Nord- und Südhalbkugel in gegensätzlicher Richtung in den Strudel. Es gibt weder Tornados noch Taifune rund um die Erdmitte, also muss man sich bezüglich Naturkatastrophen an Erdbeben und Vulkanausbrüche halten ;-)

Spaziergang am Äquator
Doch nicht nur zum Tourismus habe ich gerade genug Zeit, auch meine Arbeit hat heute einen Schritt nach vorne gemacht. Nach einem glücklichen Zufallstreffen auf einer Münchner WG-Party hatte ein neuer Bekannter vor drei Wochen einen Kontakt für mich hergestellt. Nach ein paar E-Mails und einem Telefonat hatte ich eine Verabredung mit dem Chef eines für meine Arbeit sehr interessanten Tourismusunternehmens. Also nahm ich heute Früh ein Taxi in die Nordstadt und nach kurzer Wartezeit im Büro durfte ich fragen, was ich wollte. Mein Spanisch war teilweise ungewohnt holprig wegen der vielen Gedanken im Kopf, aber das Ergebnis kann sich sehen lassen. Spannende Informationen und neuer Schub für meine Ideen!




Mittwoch, 11. September 2013

Ankunft in Brasília

Meine Ankunft in Brasilien war verspätet. Ich hatte nur eine knappe Stunde zum Umsteigen am Flughafen in Madrid und auf meinem Reiseplan war Terminal 1 abgedruckt. Das korrekte Abflug-Gate war allerdings am Ende von Terminal 4 Satélite, wobei die Ergänzung 'Satellit' in etwa ausdrückt wie weit in der Umlaufbahn sich das Terminal befindet. Nach einer schweisstreibenden halben Stunde in Shuttlebussen (das Boarding des Anschlussfluges hatte begonnen, als ich gerade im Terminal 1 ausstieg) hatte ich den Flug verpasst und mein Ticket musste von den hilfreichen Menschen am Gate neu ausgestellt werden. Immerhin, ich konnte noch in der gleichen Nacht fliegen und kam bloss 5 Stunden später an. Handy sei Dank waren die Abholer bereits aus Madrid informiert. Ergänzung: Wegen der Umbuchung wurde auch mein Gepäck umgeleitet und kam per Post einen Tag später an. Mit der Kleidung meines lieben Bruders konnte ich das aber leicht überbrücken.

In Brasília hat mich der brasilianische Teil der Familie mit offenen Armen empfangen. Es wird hier viel gelacht und die kleine Wohnung fühlt sich sehr gemütlich an. Eine Hängematte auf dem Balkon, ein grosser Fernseher auf dem man mal Tennis und mal Fussball schaut und der Esstisch sind das Zentrum des Hauses für mich.

Mein Portugiesisch muss noch fliessender werden, und ich kann bei weitem noch nicht alles verstehen, was mir besonders klar wurde, als wir am dritten Abend beim Stand-Up-Comedy waren. Es lag sicher nicht nur an der Dichte der Kraftausdrücke, dass ich nicht ganz mitkam. Aber alles wird mit einem Lachen erklärt und eines meiner neuen Lieblingswörter ist 'tranquilax' (Mischung aus tranquilo=ruhig und relax=entspannt).

Beim Einkaufen lerne ich nebenbei Früchte kennen, z.B. die Fruta de Conde, auf deutsch Zimtapfel. Besonders wichtig sind manche sprachlichen Details, wie zum Beispiel die Betonung auf dem Wort 'coco', die den Unterschied zwischen der Bedeutung Kokos und Exkrement macht. Jedenfalls haben schon wenige Tage einen grossen Unterschied bei der Verständigung gemacht und ich freue mich auf weitere linguistische und andere Entdeckungen :)

Bald gibt es mehr Nachrichten vom touristischen Teil meiner ersten Tage. Bis dahin freue ich mich über Kommentare!